Die Geschichte von Josef Kainz, dem Krokodil und der Frau des Bezirksvorstehers

23 07 2009

Als ich ein Kind war, sind im Türkenschanzpark noch die sogenannten „Wasserspiele“ aufgeführt worden. Damals war ich leider noch zu klein, um sie mir anschauen zu dürfen, aber meine Eltern und Großeltern sind fast jede Woche einmal hingegangen. Im Türkenschanzpark hat es nämlich einen kleinen Wasserfall aus künstlichen Felsen gegeben, das Wasser ist im Geheimen hinaufgepumpt worden, also so, dass man es nicht gesehen hat, wahrscheinlich aus einem großen Becken unter der Erde bis hinauf zwischen die Sträucher, und dann ist es über die künstlichen Felsen hinunter geflossen in einen Teich und dann über eine abgeschrägte Kante in einen Abfluss hinein. Über den Abfluss ist ein Weg gegangen, und zum Teich hin war eine Absperrung aus weißgestrichenen Metallrohren, wo damals schon die Farbe etwas abgeblättert ist und das dunkle Metall hervorgeschaut hat. Die Absperrung war dazu da, dass keiner von den Zuschauern in den Teich hineinfällt, der gleichzeitig die Bühne war.

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Ich habe keines von den Wasserstücken je gesehen, weil sie für Kinder strengstens verboten waren, ich habe nur immer meinen Großvater am Sonntag beim Kaffee darüber erzählen gehört. Es müssen so eine Art Kasperlstücke für Erwachsene gewesen sein. Und der Kasperl ist mitten im Wasser gestanden und hat seine Späße gemacht, die wahrscheinlich nicht ganz anständig waren, denn meine Mutter hat meinen Großvater oft angeschaut und gesagt: „Geh, doch nicht vor dem Kind.“

Der bekannteste Kasperl der damaligen Zeit war ein gewisser Josef Kainz, sein Denkmal steht heute noch in einem kleinen Park ganz in der Nähe, weil seit der schlimmen Geschichte von damals wollte man ihn im Türkenschanzpark nicht mehr haben. Es war alles etwas kompliziert, wie das in Wien öfters ist, und ich war ja noch ziemlich klein zu jener Zeit, aber später hat mir mein Vater die Geschichte so erzählt:

Der Kainz-Kasper ist damals mit einem echten Krokodil aufgetreten (vielleicht war auch deswegen die Absperrung dort), und das hat der Frau vom Bezirksvorsteher gehört, die es dem Kainz für die Aufführungen geborgt hat. Mit dem Krokodil ist der Kainz doppelt so berühmt geworden wie bisher, und bis aus Kagran sind die Leute in den Türkenschanzpark gepilgert, was damals noch eine große Anstrengung und eine weite Reise gewesen ist. Und so ist der Mann von der Frau Bezirksvorsteher ziemlich wütend geworden, weil ein Kasperl mehr Erfolg gehabt hat als ein Politiker, und er hat seiner Frau verboten, dem Kainz weiterhin das Krokodil zu borgen, weil es sich sonst in dem kalten Wasser im Türkenschanzpark verkühlen könnte oder vielleicht entführt würde, oder ein sadistisch sodomitischer Lustmörder könnte es umbringen oder ähnliche fadenscheinige Ausreden.

Kainz02Was er aber nicht gewusst hat, war, dass seine Frau die Konkubine vom Josef Kainz war und ihm jede Nacht heimlich das Krokodil zugeführt hat und nach der Vorstellung wieder genauso heimlich in den heimatlichen Garten in Neustift zurückgebracht. Alle Leute im Bezirk haben gewusst was gespielt wird, wenn die Frau des Bezirksvorstehers mit dem Krokodil an der Leine die Pötzleinsdorferstraße hinaufspaziert ist, nur der Bezirksvorsteher nicht.
 
Doch kurz vor der nächsten Wahl hat der Kandidat von der Opposition die ganze Geschichte in der „Wiener Zeitung“ veröffentlicht, und obwohl es eh jeder gewusst hat, ist ein Riesenskandal dabei herausgekommen.

Am nächsten Tag ist der Bezirksvorsteher bei der Aufführung den Josef Kainz wie ein Wilder angesprungen, mitten durchs Publikum und über die Absperrung hinweg, und wollte ihn erwürgen. Aber der Kainz hat als Kasperl ja einen riesigen Knüppel in der Hand gehabt und hat dem Bezirksvorsteher in Notwehr eins über den Kopf geschlagen, der ist daraufhin auf den glitschigen Steinen ausgerutscht und ins Wasser gefallen, und dabei hat das Krokodil so einen Schreck bekommen, dass es ihm in einer Kurzschlussreaktion einfach den Kopf abgebissen hat. Als es seinen Irrtum bemerkt hat, war es schon zu spät. Der Kainz hat den Kopf aus dem Wasser gefischt, in die Höhe gehalten und gesagt: „Da hab’n ma jetzt den Salat !“ Das war einer der ganz großen Momente der Schauspielkunst.

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Den Josef Kainz kennt heute noch jeder, wie der Bezirksvorsteher geheißen hat, weiß höchstens noch der Museumsdiener vom Bezirksmuseum in der Martinstraße. Und der ist schon in Pension und wird bald sterben. Aber in dem kleinen Park mit dem Denkmal sieht man heute noch den Josef Kainz, wie er den Kopf vom Bezirksvorsteher in der Hand hält.